Wie oft denkst Du „Ich muss…“? Wann hörst Du dich sagen „Ich muss noch schnell dieses oder jenes tun“? Oder ist es eher ein „Ich soll(te)…“?

Vor einigen Jahren habe ich mich genau dabei ertappt, wie ich so einen „Ich muss noch“-Satz mit tiefem Seufzen dachte. Und plötzlich war da eine ziemlich rebellische Idee: Was, wenn ich das alles gar nicht wirklich muss? Und: Was muss ich denn dann wirklich? Am Ende kam für mich heraus: Eigentlich gibt es nur drei MÜSSEN, an denen ich nicht vorbeikomme. Aber alles andere dazwischen muss ich strenggenommen nicht, sondern sollte freiwillig geschehen. Daraus entstand ein etwas drastisch formuliertes, persönliches Credo: Ich muss gar nix, außer schnaufen*, sterben, Pippi machen. Alles andere dazwischen sollte freiwillig sein. (*= bayerisch für „atmen“)

Ich freue mich immer sehr, wenn ich diesen rebellischen Ansatz mit anderen Menschen teilen darf. Denn die häufigste – und mittlerweile vorhersehbare – Reaktion darauf, kommt meist in Form von entrüstetem oder belächelndem „Aber man muss doch auch arbeiten!“ oder „Das Leben ist kein Ponyhof!“.

Wenn jemand „arbeiten gehen MUSS“, dann läuft für meine persönliche Definition schon einiges falsch. Denn: Ich WILL arbeiten! Ich MÖCHTE mit dem, was ich kann und bin, einen Teil zu etwas beitragen. Ich WILL mich mit dem, was ich zu bieten habe, einbringen. Ich MÖCHTE gerne Geld verdienen mit meinen Fähigkeiten und Talenten.

(Was den „Ponyhof“ anbelangt: Für Viele schwingt in dem Zusammenhang unausgesprochen etwas mit, was nach „Berufung“ klingt, und nicht nach „Beruf“. Ersteres bleibt mit höheren Weihen verbunden und ist nur Auserwählten vorbehalten, das ist ein gängiger Glaubenssatz dazu. Denn „wo würden wir denn da hinkommen, wenn jeder denkt, er ist was Besonderes?!“. Und außerdem: „Beruf“ ist was Anständiges, meistens auch schwer und hart, aber doch nicht etwas, was nach Freiwilligkeit, Leichtigkeit, Spaß am Tun klingt!?! Oder? Aber dazu ein andermal mehr.)

Tatsächlich habe ich noch einen Schritt weitergedacht: Angenommen, ich muss nix, sondern alles zwischen schnaufen-Pippi-sterben sollte freiwillig sein. Und dann begegnen mir Widrigkeiten, Hindernisse, Unvorhergesehenes und Unerwünschtes? Wie geht man denn freiwillig mit so etwas um? Die Antwort kam als ein Zitat, das mich seitdem als Wegweiser begleitet:

Love it, change it or leave it

Seitdem ich mich daran orientiere, bin ich zwar nicht auf der konstanten Welle der hindernisfreien Glückseligkeit gesurft. Aber es hat mein Leben tatsächlich einfacher gemacht, weil: Klarer!

Wenn ich mich in Umständen wiederfinde, in die ich zwar vielleicht nicht unbedingt freiwillig hinein bin, die mich aber quasi unterwegs nicht (mehr) glücklich machen, die ich dann auch nicht mehr lieben kann – dann darf ich etwas daran ändern. Und wenn das nicht gelingt, dann darf ich diese Situation auch verlassen. So einfach das klingt – so wenig leicht ist das manchmal.

Es hat nämlich viel mit Selbstverantwortung zu tun. Und das wiederum damit, dass ich den Fokus auf mich richte, und nicht mehr die Verantwortung abgebe für mich oder etwas, was mich betrifft. Das muss man ja auch erstmal mögen…

Denn da wird schnell klar, dass es ab einem gewissen Punkt (nicht in allen Bereichen) den Moment geben wird, an dem es sinnlos ist, zu sagen, „Mein Partner muss sich ändern“ oder „Der Chef ist geizig / weiß nicht, was er an mir hat!“, „Die Kollegin ist eine intrigante Zicke / klaut meine Ideen“, „Meine Schwiegermutter ist ein Monster / bevorzugt meine Schwägerin“, etc.

Und damit steht der mächtige Schritt an, sich bewusst damit auseinanderzusetzen, was denn dann zu mir gehört, was ich in der Hand habe. Was ich denke – forciere – anstrebe – habe – mache – umsetze – wünsche – brauche. Was ich will – oder nicht. Und irgendwann auch: Was „MEINE“ eigenen Werte sind. Wofür ich zur Verfügung stehe – und wofür vielleicht auch nicht (mehr). Oder anders gesagt: Was mir selbst etwas wert ist und was ich mir wert bin.

Infolgedessen hatte dieser rebellische Gedanke auch viel mit SELBSTWERT zu tun. Denn: Wenn ich nicht weiß, was ich haben will / was anders werden soll / wo mein Ziel liegt – dann habe ich auch keine Orientierung. Und demnach keine Ideen dazu, wie –was –wo verändert / verlassen / geliebt werden kann. Oder, wie es ein Zitat (angeblich von Mark Twain) so schön sagt:

„Wenn du nicht weißt, wo du hinwillst, darfst du dich nicht wundern, wenn du nicht ankommst.“

Dafür ist ein wichtiger Schritt (von vielen), zu wissen, was meine Werte sind und diese bewusst zu integrieren.

Wenn zum Beispiel ‚Sicherheit‘ ein Wert für mich ist, werde ich dementsprechend mein Leben daran orientieren, dann sorge ich selbst dafür, dass mein Bedürfnis nach Sicherheit erfüllt wird. Wie etwa mit einem festen Arbeitsverhältnis, dauerhaften Beziehungen, stabilem Einkommen, etc.

Und anders herum werde ich jedoch versuchen, sobald mir das eben nicht bewusst ist, mir meine Sicherheit unbewusst über Außen zu holen und die Verantwortung auch unbewusst beim anderen zu lassen.

Dann kann es z.B. geschehen, dass bestimmte Umstände oder Partner dafür verantwortlich gemacht werden, dass ich mich sicher oder gut fühle und der andere dafür „sorgen muss“. Damit mache ich es mir leicht, nicht selbst für mich und das einzustehen, was mir wichtig ist, weil ich ja Verantwortung abgebe für mich. Dann ist jemand anders „mächtiger“ als ich, und ich bin „ohn-mächtig“, weil: „Schuld“ sind ja andere Menschen oder Umstände. Und ich – als „ohn-mächtiger“ Kleiner – kann da eben einfach nix dagegen tun. Punkt.

Dasselbe Ergebnis ‚schaffe‘ ich in Beziehungen mit Eifersuchtsszenen, Verlustängsten, Bedingungen stellen, „Kletten“, etc. (Aber dieser Punkt hat u.a. mit Ängsten zu tun. Dazu ein anderes Mal mehr.) Das dadurch erzeugte – vermeintliche – Sicherheitsgefühl („Mein Partner liebt mich. Also ist alles gut mit mir und ich kann mich sicher fühlen, WEIL seiner Liebe sicher sein“) lullt mit diesem Trugschluss ein, ich habe keine Ängste auszuhalten und kann in dieser Situation bleiben. Brenzlig wird es jedoch dann, wenn der Partner eventuell anfängt, gegen diese Verantwortung „aufzumucken“ und nicht länger tragen will. Oder wenn sich Umstände ändern und mir nicht mehr die bisherige Sicherheit geboten wird.

Spätestens dann also, wenn auch die vermeintlichen Sicherheiten wegbrechen, werde ich wieder auf mich selbst zurückgeworfen und darf entweder „loven“ oder „leaven“. Das „changen“ ist im ersten Anlauf leider meistens die Option, die (noch) übersehen wird.

So oder so wird aber der Punkt kommen, an dem der erste kleine Gedanke auftaucht, der dann in die Richtung geht: Okay… wenn ich möchte, dass meine Werte geachtet werden; dass das, was mir wichtig ist, auch wirklich in meinem Leben existiert – dann darf ich selbst etwas dafür tun. Oder eben verändern. Aber so weitermachen wie bisher und hoffen, dass es dann anders oder besser wird – das wird nicht funktionieren. Wusste ja schon Albert Einstein.

„Die reinste Form von Wahnsinn ist es, alles beim Alten zu lassen und zu glauben, dass sich etwas ändert“ (Albert Einstein)

Wenn ich also bereit dafür bin, das anzunehmen, dieses „Ich muss dann wohl mal selbst ‘ran“ – dann kann ich vielleicht feststellen: „Eigentlich“ steckt hinter dem Sicherheitsbedürfnis weniger der Wunsch, dass sich mein Leben durch Gleichmäßigkeit auszeichnet, sondern vielmehr habe ich Angst, dass ich dem anderen nicht gut genug / schön genug / dünn genug bin, und muss deshalb so klammern. Oder: „Eigentlich“ habe ich Angst, dem Chef zu sagen, dass die Kollegin meine Idee geklaut hat, weil ich dann ja für mich selbst einstehen muss. Oder auch: Eigentlich ist es weniger der Gedanke, dass ich mir einen kleinen Luxus leisten kann, sondern vielmehr will ich damit kompensieren.

Und damit habe ich schon eine erste heiße Spur zu dem, was a) meine Ängste sind, und b) auf der anderen Seite auch WERTE darstellen kann, die mir wichtig sind.

Natürlich gibt es Werte, die uns ganz schnell sehr bewusst sind und über denen wir nicht lange sinnieren: Als Freiheitsliebender wirst du kaum ganz oben auf deiner Bucket-List stehen haben, „Möglichst schnell eine Beamten-Stellung / eine Liebe für Immer / eine große Familie gründen“, und entsprechend wirst du dein Leben auch gestalten.

Meist ist es so, dass es eine gut durchgemixte Mischung aus bewussten und unbewussten Werten gibt, die uns prägen. Manche haben wir – unreflektiert und nicht hinterfragt – vielleicht sogar von unseren Familien übernommen, bzw., sie vielleicht sogar erkannt, aber genau deshalb vielleicht eben nicht in unser Leben integriert.

Manche Werte resultieren auch aus oder in Glaubenssätzen. Dazu werde ich in einem anderen Artikel aber noch ausführlich eingehen.

Damit Du jetzt aber Deinen Werten auf die Spur kommst, vielleicht sogar den bis dato unbekannten, findest Du hier ein paar Fragen, die Dich anregen möchten, WERTVOLLE Inputs und Inspirationen für Dich zu bekommen:

* Was brauche ich in meinem Leben, um mich ganz und gut zu fühlen? Ist es Anerkennung – Liebe – Geborgenheit – Ruhm – Status – Macht – Freiheit – Sicherheit – Familie – Religion – Freizeit – Unabhängigkeit – Selbstbestimmung – Unkonventionelles – Optimismus – Freunde – Kultur – Hobbies – Traditionen – Planung –Partnerschaft – Karriere – Spontaneität – Flexibilität – Austausch – Kunst – Sport – Haustiere – Ziele – Spiritualität – Abenteuer – Naturverbundenheit – Ausgehen – Freunde treffen – Loyalität – Luxus – Ehrlichkeit – Vertrauen – Individualität – Verbundenheit – Rituale – Gemeinsamkeit – Verlässlichkeit – Bewusstsein – Frieden – Spaß haben – Einsamkeit – Kreativität – Reisen – ….

* Welche Form von Beziehungen habe ich zu wem und – wie gut tut sie mir?

* Wenn ich einen rundum glücklichen Tag erlebe: Was muss dann alles drin sein? Was zeichnet so einen Tag aus? Wann habe ich das letzte Mal so einen rundum glücklichen Tag erlebt?

* Welchen Beruf würde ich – mit meinem heutigen Wissen – jetzt wählen ? (wenn es nicht dein aktueller ist)

* Was ist für mich ein absolutes No Go? Was ein totales Must have?

* Wofür brenn‘ ich? Was macht mein Herz groß, weit und lässt es vor Freude hüpfen?

Die Antworten darauf sind weder richtig, noch falsch, weder gut, noch schlecht. Sondern einfach nur deine eigenen. Ein Teil von Dir und deinem So—Sein.