Perfektionismus Oder Wie mir das Buchschreiben etwas über das Leben beibrachte

Perfektionismus ist weithin anerkannt – in unserer Gesellschaft sowieso und im Allgemeinen.
Im persönlichen Bereich auch, nur da darf es individuellere Färbungen annehmen, die dann nicht mehr mit ganz so strengem Maßstab verglichen werden.

 

 

Es wird schon anhand dessen deutlich, welche Stellung diese Eigenschaft einnimmt, wenn man nur mal den Bereich betrachtet, in dem die meisten Menschen mit Perfektion konfrontiert werden: Im Job. Bei einem Arzt möchten wir, als Patienten, natürlich davon ausgehen können, dass er perfekt ist: Perfekte Diagnose plus perfekte Behandlung.
Außerdem bei einem Auto, unseren Einkünften und Altersvorsorgen, einer Excel-Tabelle, beim Abnehmen --- alles soll perfekt sein. Im Idealfall. Wenn’s nicht ganz so ideal laufen muss, tut’s auch die „optimale“ Version. Was am Ende auf’s selbe rauskommt, weil da nämlich unser Anspruchsdenken trotzdem dazwischenfunkt. Und ob’s perfekt ist oder optimal, macht dann auch keinen Unterschied mehr, weil wir im Sprachgebrauch bereits beides für ein und dieselbe Ergebniserwartungshaltung verwenden. Sprich: Unbewusst haben wir uns schon daran gewöhnt, dass es dasselbe Ziel haben soll.

Aber das Leben, die Welt, unser Dasein sind nicht perfekt. Sogar alles andere als das!
Das zeigt uns der Lauf der Geschichte, auch bei unseren Biografen finden wir sehr viel in „nicht perfekt“; das erleben wir sogar in der Natur, weil die auch nicht gleich aus dem Stand heraus alles „perfekt“ macht. Nein, sogar die Biologie ist etwas milde mit sich und gewährt sich für einige Entwicklungen ein paar zehntausend Jahre, manchmal auch Millionen, bevor sie damit zufrieden ist.
Siehe die Dinos…  Wenn dabei die Natur als Endpunkt das Kriterium „perfekt“ im Sinn gehabt hätte, hätte sie nicht solange mit ihrer Auslöschung gewartet.
Ein zugegebenermaßen etwas überzogenes, aber dadurch hoffentlich auch sehr klares Beispiel.

 

Meine ganz persönliche Lektion in Sachen „Perfekt“ durfte ich – wie viele andere Menschen auch – zunächst im beruflichen Bereich täglich extrem trainieren.
Da ich von Haus aus eher ein Korinthenkacker bin, was Orthografie betrifft, aber alle anderen Bereiche nicht so durchtränkt sind von diesem hehren Anspruch an Perfektion, hat es ziemlich lange gedauert (genauer gesagt: einige Anstellungen später und ein paar Lebensjahre mehr…), bis mir aufging: ‚Perfekt‘ ist cool, wenn es als übergeordnetes Ziel dient. Aber „perfekt“ als generelle Herangehensweise fördert bei mir zuviel Adrenalin, das bedingt wiederum (zu)viel Stress und daraus entsteht ein äußerst unperfekter Alltag mit noch mehr Ansprüchen, denen ich unmöglich gerecht werden kann. Und will.

 

Und ganz besonders erkenntnisreich war diese Sache mit dem ‚perfekt‘, als ich mit dem Gedanken schwanger ging, mein erstes Buch zu veröffentlichen. (Geschrieben habe ich schon einige, aber die liegen alle in der sprichwörtlichen Schublade. Und warum? Genau! Weil sie nicht perfekt genug waren, in meinen Augen… )
Dieses erste Buch, das tatsächlich auch das Licht der Öffentlichkeit erblicken sollte, erschien im Selfpublishing. Und das erforderte viel Recherche und Arbeit im Voraus: Lange Nächte voller Internet-Forschungen, noch mehr Tage und Nächte mit dem Umsetzen der erforschten Kenntnisse – und dann, schlussendlich, auch irgendwann ein noch längerer Prozess aus noch mehr Tagen und Nächten, um dieses Werk zu schreiben.
Am nachhaltigsten ist mir die Phase in Erinnerung, als mein Buch quasi gesetzt wurde, um als fertiges Produkt zu erscheinen: Ich habe ungefähr vier Wochen damit verbracht, das bereits vollendete Werk immer wieder zu setzen, online einzustellen, das Ergebnis zu lesen, Fehler zu suchen, nochmals offline zu nehmen, wieder die Fehler auszumerzen, nochmals zu korrigieren, erneut setzen, online stellen, Ergebnis lesen, Fehler suchen, …..
Korrektorat und Lektorat heißt sowas in der Fachsprache. Nicht nur Satzzeichenfehler erkennen, sondern auch Fehler beim Satz, der Vorstufe des Druckes.
Ich war am Rande der Verzweiflung, weil es nicht enden wollte.
Und irgendwann, nach diesen vier Wochen, habe ich gemerkt, dass mein Perfektionismus bereits jedes kleinste Pünktchen und Komma, jedes zu viel gesetzte Leerzeichen, sämtliche Absätze und Umbrüche, bereits fest im Griff hatte. Und damit auch mich und mein Seelenheil.

 

Vier Wochen meines Lebens (das ich ja nur einmal habe und auch nicht unbegrenzt) dahingegangen für Orthografie und Satz. Sonst nix.

 

Als mir das klar wurde, habe ich mich – natürlich – erstmal ordentlich geärgert.
Aber dann passierte etwas Wunderbares: Irgendwo dämmerte die verschollene Ausgabe des ursprünglichen Plans wieder herauf – nämlich nicht „perfekt sein“, sondern einfach nur „ein Buch veröffentlichen“.

 

Und damit war für mich dann auch alles gesagt, gedacht, getippt, korrigiert und erledigt.
Mein Ziel hatte ich erreicht. Das Buch strotzt  übrigens immer noch – vor Satzfehlern. Nur die Orthografie passt soweit, würde ich mal behaupten.
Aber das ist mir alles nicht mehr wichtig -- denn „shoot for the moon. And even if you miss, you‘ll land among the stars!“, wusste schon Norman Vincent Peale.

Denn wenn wir schon vergleichen, und damit ja auch meistens das Attribut „perfekt“ bemühen, dann dürfen wir durchaus auch in die andere Richtung schauen. Und in meinem Fall hieß das:
Okay, ich habe ein nicht ganz perfektes Buch veröffentlicht. Aber hey!, ich liebe es trotzdem! Es ist nämlich meins! Und, übrigens, wieviel mehr habe ich geschafft, verglichen mit denen, die nur sagen, sie möchten „irgendwann mal ein Buch schreiben / veröffentlichen“, und tun es dann doch nicht?!  Eben.

 

Und damit ist mein Buch vor allem eins: Nämlich äußerst authentisch.
Doch der Bonus ist, dass sich von dreizehn Rezensenten nur ein einziger darüber beschwert hat, WIE es geschrieben ist – nämlich, nicht perfekt. Die restlichen zwölf haben eigentlich nur davon geschrieben, wie gut ihnen der Inhalt gefällt.

 

Also – unperfekt sein bedeutet nicht, auf ganzer Linie komplett falsch zu liegen.
Und perfekt sein wollen garantiert auf keinen Fall, dass es für immer & ewig gut sein wird.
Dazwischen liegt das, was uns als Einzelnen ausmacht.
Und ... ganz ehrlich?
Ich glaube, das ist es, was nach wie vor zählt.
Sogar mit Rechtschreibfehlern. ;-)